Kein offener Dialog mit Exxon
Die Besichtigung der Linken auf der Bohrstelle Boetersen begann mit einem Paukenschlag. Es hatten sich mehr Bürger eingefunden als offiziell zugelassen waren. Und einer wollte sich partout nicht damit abfinden, nicht auf das eingezäunte Gelände eingelassen zu werden. Die Exxon Vertreter bestanden auf der Einhaltung der Formalie. Der hartnäckige Bürger, der sich problemlos ausweisen konnte, musste wie drei weitere draußen bleiben. Für die anwesende Bundestagsabgeordnete der Linken, Johanna Voß, hatte dies mit offenem Dialog nichts zu tun. Sie schloss sich den Ausgeschlossenen solidarisch an. Das Gespräch fand dann schließlich mit einiger Verspätung statt.
Zu den schriftlich ausgereichten Antworten ist aus der Sicht des Kreisverbandes der Linken folgendes zu sagen. Teils gehen sie gezielt an der Fragestellung vorbei, teils geben sie eine Antwort, die gar nicht gestellt war, teils wird auf eine zukünftige Sachlage verwiesen, die eine jetzige Antwort ausschließe, teils wird die Antwort rundum verweigert, wie die über die zu erwartende Gasausbeute, teils wird die Beantwortung von der Zustimmung beteiligter Partnerfirmen abhängig gemacht, wie z.B. die Information über die genaue Zusammensetzung der Frac-Flüsigkeit, teils drückt man sich wortreich vor einer klaren Antwort, wie etwa die, dass Exxon eine Umweltverträglichkeitsprüfung schlicht und einfach ablehnt, teils musste man sich die Antwort mühsam im Gespräch erarbeiten, wie die, dass beim Frac im Oktober 14 Tonnen chemische Zusätze in die Erde verpresst werden.
Ansonsten lassen sich die Antworten schnell zusammenfassen: gefördert wird über das Jahr 2020 hinaus; Lärmbelästigungen gibt es keine; es bleibt bei einem Bohrplatz mit einer Flächenbeanspruchung von 5700 m2; weitere Bohrungen als die jetzige sind nicht geplant; außer 1-2 vorgesehenen Fracs im kommenden Herbst, sind keine weiteren geplant; pro Frac werden 600 m3 Wasser benötigt; ein Spezialzement verhindert ein Platzen des Zementringes beim Frac, so dass keine Gefahr besteht, dass sich die mit chemischen Zusätzen versehene Frac-Flüssigkeit ins Grundwasser ergießt; zu Rissbildungen im Gestein durch die Wassersprengungen, die zu einem Entweichen der Frac-Flüssigkeit ins Grundwasser führen könnten, kommt es nicht; die Frac-Flüssigkeit ist nicht giftig; da die Frac-Flüssigkeit nicht giftig ist, ist auch keine Entsorgung nötig; das Lagerstättenwasser ist nicht radioaktiv; bei den CO2-Emissionen werden sämtliche Grenzwerte eingehalten.
Alles bestens, so wird den Zweifelnden glauben gemacht. Auf die Nachfrage der Linken allerdings, warum erst durch eine Nachfrage im Landtag im Zusammenhang mit dem Leckage-Unfall in Söhlingen ans Tageslicht kam, dass die verwendeten Frac-Flüssigkeiten dort bis zu 20 % chemische Zusätze erhielten, und nicht, wie das Unternehmen bis dahin behauptete, 0,5 %, gab es die Antwort: es handelte sich um einen Übermittlungsfehler.
Auf die Frage, warum der Konzern bisher ein so großes Geheimnis um die Veröffentlichung der chemischen Beimischungen machte, finden die Exxon-Leute auch schnell einen Schuldigen: das Landesbergamt hat diese nicht veröffentlicht, weil die Öffentlichkeit dies nicht verlangte. Und wenn man die Frage nach der Haftung im Fall eines Wassergaus stellt, dann muss natürlich der Heerschar der vom Konzern aufgebotenen Juristen erst einmal bewiesen werden, dass die Bohrtätigkeit des Konzerns die Ursache ist. Geht es eigentlich noch dreister? Die Linke hält diese Verharmlosungsstrategie des Konzerns und dieses sich Stehlen aus der Verantwortung für unverantwortlich.
Alle Alarmsirenen müssten mittlerweile bei Exxon ertönen. Das Bundesumweltministerium und die NRW-Landesregierung haben jeweils eine Studie über die Umweltgefahren des Fracking in Auftrag gegeben. Das Umweltbundesamt weist in einer in diesem Monat erschienenen Stellungnahme auf zahlreiche ungelöste Fragen der Fracking-Förderung hin. Von alledem zeigt sich Exxon unbeeindruckt. Von dem Gasvorkommen in Boetersen verspricht sich das Unternehmen eine derart hohe Rendite, dass sogar der von ihm begleitete Experten-Arbeitskreis "Über die Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Fraccing-Technologie für die Erdgasgewinnung" zu den Risiken in Boetersen nichts zu sagen hat. Die dort erwartete Rendite verbietet jede Art von Sicherheitsbedenken. Bei dem anschließenden Treffen im Eichenkrug verdeutlichte Johanna Voß mit warnenden Worten: "In Niedersachsen hat es bisher nach Fracking schon vier Mal bis zu 4,1 auf der Richterskala gebebt. Durch das unterirdische Sprengen können auch noch Jahre und Jahrzehnte später infolge neu entstehender Klüfte Wasser- und Gas-Wegsamkeiten entstehen. Bürgerinnen und Bürger erwarten transparente Prozesse, wenn es um ihr Trinkwasser und ihre Atemluft geht. Kurzfristige Gewinne von Exxon Mobil und den übrigen Konzernen haben sich diesem demokratischen Gebot unterzuordnen. Besonders wichtig ist die Förderung innovativer Technologien für die Erneuerbaren und die effektivere Nutzung von Energie."
Franz Schneider
Mitglied des Presseteams des KV Rotenburg Wümme
