Rapsfeld bei Eversen

Leserbrief an die Rotenburger Kreiszeitung zu
"Tendenz: Armut macht krank"


Ein dickes Kompliment möchte ich der Journalistin (lil) Ihrer Zeitung für den Artikel über den Vortrag von Frau Dr. Cornelia Goesmann machen. In einer klaren und deutlichen Sprache bringt sie die unerfreulichen Dinge besser auf den Punkt als die Referentin. Deren mehrfacher Hinweis auf die Tatsache, dass arme Menschen oftmals stark rauchen und einen erhöhten Alkoholkonsum aufweisen, ließ "nebenbei" den Eindruck entstehen, dass dies durchaus auch die Ursache ihrer Armut sein könne, womit dann Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt wären. Ich möchte der Referentin diese Wirkung auf den Zuhörer gar nicht als eine beabsichtigte unterstellen. Sie macht aber deutlich, wie wichtig der sorgsame Umgang mit der Sprache bei solch einem sensiblen Thema ist.

Ähnliche Unsicherheiten der Referentin waren bei der Bezeichnung jener Bevölkerungsteile festzustellen, die von dem Armutsphänomen betroffen sind. Das glich eher einem verbalen Eiertanz. In einem Land, in dem man in offiziellen "Armuts- und Reichtumsberichten" lieber von "aufzuwertenden Stadtteilen" als von "Armutsvierteln" spricht, ist das nicht verwunderlich. Schließlich handelte es sich bei der Referentin um die stv. Vorsitzende der Bundesärztekammer. Da gilt natürlich die offizielle Sprachregelung "das Unangenehme wird elegant umschrieben".

Auch hier erfrischend die Sprache im Artikel Ihrer Zeitung: "Als Ursachen führte die Referentin auf, dass in der Unterschicht vermehrt Unfälle passierten …". Wobei für den Leser nur gesagt werden muss, dass die Referentin das Tabuwort "Unterschicht" – Herr Müntefering lässt grüßen – natürlich nicht in den Mund genommen hatte. Beschwichtigend meinte die Referentin auch agieren zu müssen, als der Hinweis kam, ob bei einem sicherlich sehr löblichen ehrenamtlichen Engagement vieler Ärzte bei der Behandlung von zahlungsunfähigen Patienten nicht von einem staatlichen Missbrauch des Ehrenamtes in diesem Falle gesprochen werden sollte. Dies vor allem dann, wenn auch 15 jähriges Vorstelligwerden der Bundesärztekammer in deutschen Regierungsbüros – so die Referentin – keine wesentliche Verbesserung in der Versorgung armer Kranker gebracht habe. Dem Optimismus von Frau Dr. Goesmann gebührt Bewunderung.

Prof. Dr. Franz Schneider, Rotenburg