Leserbrief zum Ärztemangel (BZ vom 6. Oktober 2011)
In mehreren Artikeln berichtete die BZ am 6. Oktober über den Ärztemangel in Deutschland, insbesondere in den ländlichen Gebieten. Und der Bundeswehr fehlen angeblich auch 550 Ärzte. Selbst in der Nähe von Großstädten finden sich für gut laufende Praxen keine Nachfolger. Dabei ist doch der Arztberuf in der Wertschätzung der Bevölkerung sehr angesehen, und die Einkommen können sich durchaus sehen lassen. Der "Spiegel" veröffentlichte vor einiger Zeit, dass ein Kassenarzt im Durchschnitt (!) 100.000 € im Jahr vor Steuern verdient. Zusätzliche Einnahmen erzielt er durch Privat-Patienten und sog. Igel-Leistungen, die der Kassenpatient aus eigener Tasche bezahlen muss. Man müsste doch erwarten, dass sehr viele Abiturienten sich für diesen absolut krisensicheren Beruf ausbilden lassen. Und warum tun sie es nicht?
Sie möchten es wohl, können es aber nicht, weil die Ausbildungskapazitäten der Universitäten nicht ausreichen und auch dem wachsenden Bedarf nicht angepasst werden. Ausbildung ist Ländersache, das lassen sich die Länder nicht nehmen. Nur haben sie kein Geld, um neue Studienplätze zu schaffen. Die Bildungspolitik des Bundes zieht sich auf den bequemen Standpunkt zurück, Bildung sei eben Ländersache. So ist die Zahl der Ausbildungsplätze für Humanmedizin seit 1995 bis 1010, also in 15 Jahren, von 7.514 auf 8.629 nur um knapp 15 % angestiegen, die Zahl der Studienbewerber hingegen von 15.179 auf 40.387, also um 266 %. Folglich kommen gegenwärtig auf einen Studienplatz 4,68 Bewerber. Ähnliche Verhältnisse gelten für die Ausbildung zum Zahnmediziner.
Als übergeordnetes Auswahlkriterium für einen Studienplatz gilt die Abitur-Durchschnittsnote, derzeit 1,0 bis 1,4 je nach Hochschule, weil diese mit einem differenzierten Auswahlmodus, bei dem auch andere für einen Arzt relevante Kriterien herangezogen werden, überfordert sind. Man müsste einmal eine Umfrage bei erfolgreich praktizierenden Ärzten oder Zahnärzten machen, mit welcher Abi-Note sie zum Studium kamen!
Wen wundert's, dass Privatuniversitäten in England, Polen, ja sogar Ungarn Hochkonjunktur haben, obwohl sie hohe Studiengebühren (6.000 € pro Semester) verlangen. Während sich früher Ausländer in Deutschland ausbilden ließen, müssen heute deutsche Studenten, die durch das Auswahlraster gefallen sind, ins Ausland gehen, um sich dort in medizinischen Berufen ausbilden zu lassen. Das sind die Ergebnisse deutscher Bildungspolitik, obwohl alle Parteien unisono die Bildung als wichtigste Investition in die Zukunft propagieren. Merkwürdige Zurückhaltung pflegen in dieser Angelegenheit aber auch die mächtigen Ärzteverbände. Ihnen scheinen die Probleme des Berufsnachwuchses völlig schnuppe zu sein.
